6. Kapitel: Myanmar

|22.06. – 11.07.2017|

Pagoden und Gold, so weit das Auge reicht

Myanmar geht einem unter die Haut, anders kann man es nicht beschreiben! Das Land, das früher Burma hieß und viele Jahre von einer Militärjunta regiert wurde, hat sich in den letzten Jahren langsam demokratisiert und dem Tourismus geöffnet. Doch auch wenn sich die politische Situation etwas verbessert hat, steht für Aung San Suu Kyi, der „quasi Präsidentin“ und Friedensnobelpreisträgerin, noch viel Arbeit an. Nur ca. 15 % der Landbevölkerung sind mit Elektrizität versorgt, die Infrastruktur ist unterentwickelt, Korruption und Vetternwirtschaft sind üblich und auch das Militär, das eigentlich abgewählt wurde, hat nach wie vor viel Macht. Gleichzeitig ist Myanmar ein Land, das stark vom Buddhismus geprägt ist. Überall befinden sich imposante Tempel und Pagoden. Vielleicht gerade deshalb, scheint Myanmar ein Schatz unter den südostasiatischen Ländern zu sein.

Yangon | Ganz anders

Mit dem Flugzeug landen wir früh in Yangon, der ehemaligen Hauptstadt. Wir besteigen schlaftrunken ein Taxi und wühlen uns durch den dichten Verkehr in Richtung Zentrum. Obwohl es noch sehr zeitig ist, können wir bereits unser Zimmer beziehen. Die Mitarbeiter in unserem Guesthouse sind so lieb und herzlich, dass wir uns das erste Mal seit langem irgendwie „zuhause“ fühlen. Dieses Gefühl, werden wir die nächsten Wochen in Myanmar nicht mehr los. Yangon ist einfach ganz anders und wir kommen aus dem Staunen nicht heraus. Die Straßen sind gesäumt von teilweise sehr farbenfrohen Häuschen mit Fensterläden und Balkonen, moosverhangen oder durch die Regenzeit geschwärzt. Dazwischen finden sich Überbleibsel der Kolonialzeit, wenig restauriert – wir sehen sogar Bäume aus den Fenstern wachsen. Auf den Straßen ist viel los, überall wird etwas verkauft und gekauft. Natürlich gibt es Essen an jeder Ecke. Die Stadt lädt ein, sich einfach treiben zu lassen, Menschen zu beobachten und verrückte Sachen zu entdecken. Die Leute in Myanmar sind sehr höflich, wir werden mit Neugier betrachtet, aber nicht angestarrt. Viele lächeln uns schüchtern zu, so dass man sie am liebsten in den Arm nehmen will. Frauen wie Männer tragen den traditionellen „Longyi“ (schlauchförmiges Tuch, das zum Rock gebunden wird) und haben ihre Wangen mit Thanaka eingerieben, einer Art pflanzlichen Sonnencreme, die nicht nur schützt, sondern auch als chic gilt. Nicht wenige kauen ein Tabak-Betelnuss-Gemisch, das aufputschend wirkt und die Zähne dunkelrot färbt. Bereits nach kurzer Zeit sind wir von diesen freundlichen Menschen mit gutem Herz begeistert.

Wie immer, wenn wir in einer neuen Stadt sind, können wir am Anfang nicht genug bekommen und rennen von früh bis abends durch die Gegend. So auch in Yangon. „Der frühe Vogel fängt die Pagode“ und bereits am nächsten Tag stehen wir pünktlich um 8.30 Uhr am Eingang der „Shwedagon Pagode“. Das Wetter ist perfekt und die Sonne strahlt auf den riesigen goldenen Stupa. Das Bauwerk wird gesäumt von verschiedenen Schreinen, an denen die Buddhisten beten und ihre Rituale durchführen. Auch wir werden in das Prozedere eingeweiht und dürfen es durchführen. Im Uhrzeigersinn (wichtig!) umrunden wir danach den Stupa um am Ende eine Glocke zu schlagen, was uns und allen Anwesenden Glück bringen soll. Als Ausländer fühlt man sich hier nicht ausgegrenzt, gleichermaßen scheint diese Tempel noch nicht zur Touristenattraktion verkommen zu sein. Im Gegenteil: Dieser Mix aus gelebter Spiritualität (betende Menschen und Mönche) und Weltlichkeit (redende und lachende Leute) ist sehr magisch. Wir ziehen Runde um Runde und lassen das Ganze auf uns wirken. Neben der „Shwedagon Pagode“ hat Yangon weitere Sehenswürdigkeiten zu bieten, die wir uns in den nächsten Tagen in aller Ausführlichkeit angucken. Zu den Highlights zählen der zentral gelegene „Kandawgyi See“, über den man auf einer ziemlich verfallenen, aber schön anmutenden Holzbrücke schlendern kann. Gleichermaßen interessant sind weitere buddhistische Tempel, die u. a. gigantische liegende Buddhas beherbergen oder sich aber an obskuren Standorten, wie inmitten eines Kreisverkehrs befinden (die „Sule Pagode“). Nicht zu vergessen ist zudem der „Bogyoke Markt“, auf dem man allerlei Krimskrams kaufen kann. Das Stadtbild von Yangon wird durch den zentral gelegenen „Maha Bandula Park“ aufgelockert. Hier treffen sich Freunde und Familien, essen Streetfood (u. a. Heuschrecken) und entspannen sich. Auch wir legen hier auf unseren Touren durch die Stadt immer wieder gern ein Päuschen ein oder lassen es uns in den unzähligen Teehäusern und Bistros von Yangon gut gehen. Dabei entdecken wir eine Köstlichkeit, die, wie es der Name sagt, ursprünglich aus dem nördlichen gelegenen „Shan-Staat“ kommt: Shan-Nudeln. Zumeist mit Hühnchen oder Schwein, sind diese etwas dickeren Reisnudeln als eine Art „Salat“ oder als Suppe zu bekommen. Beides ist einfach lecker und wird zu unserem Standard-Mittagsmenü.

„Golden Rock“ und Bago | Schlechte Sicht

Nach einigen Tagen wollen wir weiter in den Norden und entscheiden uns für einen kleinen Umweg, um den „Golden Rock“ („goldener Stein“) und die Stadt Bago zu besuchen. Der „Golden Rock“ ist eine berühmte Pilgerstätte. Insbesondere der Anblick unzähliger Buddhisten auf dem Weg zum Gipfel, wo sich der Stein befindet, soll beeindruckend sein. Mit dem Bus geht es zunächst in den Ort Kinpun, wo wir unser Gepäck im Hotel abladen und uns dann zur „Truckstation“ aufmachen. Dort besteigen wir einen 45-Personen-Truck, der keine feste Fahrtzeiten kennt, sondern losfährt, sobald er voll ist. Kein Problem, wenn man eine chinesische Reisegruppe erwischt. Der Weg nach oben ist abenteuerlich und man fühlt sich ein bisschen wie in einer Achterbahn. Wir staunen nicht schlecht, als wir ankommen, jedoch nicht wegen dem „Golden Rock“. Stattdessen gibt es Regen! Und Nebel! Soweit das Auge reicht. Keine Pilger und kein „Golden Rock“, zumindest sehen wir ihn nicht sofort. Wir trotten durch den Regen, finden irgendwann den blöden Stein (ganz nett!) und auch einen kleinen Teestand. Was für ein Reinfall!

Am nächsten Tag geht es dann gleich weiter nach Bago. Die Stadt lädt nicht zum Verweilen oder zum Rumlaufen ein. Viel Verkehr, schlechte Straßen und zu hohe Temperaturen. Natürlich findet sich jemand, der uns „helfen“ will indem er uns mit seinem Tuk-Tuk durch die Gegend fährt und Tourguide spielt. Seine „Hilfe“ nehmen wir gerne an. Obwohl Bago zunächst wenig attraktiv wirkt, gibt es hier an jeder Stelle gigantische goldene Pagoden, riesengroße Buddhafiguren und unzählige imposante Tempel. So sehen wir den zweitgrößten liegenden Buddha der Welt mit einer Länge von 55 m, allein die Augen sind 1 m und die Ohren 4,50 m groß. In dem „Snake Tempel“ („Schlangen-Tempel“) liegt dann auch tatsächlich eine 7 m lange, angeblich 128 Jahre alte Python. Da sie heilig ist, wird sie rundum betreut. Falls die Schlange baden will, gibt es für sie einen eigenen Mini-Pool. Menschen kommen und opfern Geld und Geschenke ihr zu Ehren. Verrückt! Nach diesem Tag in Bago besteigen wir den Nachtbus nach Bagan.

Bagan | Endlos magisch

Die Ankunft nach ca. 10 Stunden Fahrt ist etwas ruppig. Wir werden morgens um 5.00 Uhr im Nirgendwo rausgeschmissen und müssen mit einem dubiosen Taxifahrer verhandeln. Aber nach diesem Zwischenfall ist Bagan einfach endlos magisch. In der historischen Königsstadt findet sich mit über 2.000 Sakralgebäuden das wohl größte Pagodenfeld der Welt. Die Bauwerke stammen aus dem 11. bis 13. Jahrhundert und haben Bagan berühmt gemacht. Da Ausländern das Fahren von Autos oder Motorrädern nicht erlaubt ist, bieten viele Hotels den Verleih von E-Roller an. Damit kann man auf eigene Faust das Pagodenfeld erkunden. Viele halten sich an den Hauptwegen auf, einige fahren aber auch kreuz und quer zwischen den Pagoden. Wir sind überall unterwegs und kommen schlichtweg aus dem Staunen nicht heraus.

Große Tempel, kleine Tempel und ganz kleine Tempel. Pagoden mit Türmchen und Treppe drin oder Tempel im Maya-Stil mit Treppe draußen. Das gleiche mit den Buddhafiguren, die sich vorwiegend innerhalb der Pagoden befinden: Groß wie klein, schön wie hässlich. Zumeist sind die Pagoden ziegelrot, aber auch mit Gold verkleidet oder weiß getüncht. Die Vielfalt ist schlichtweg erschlagend, aber wunderschön. Pagoden, so weit das Auge reicht. Um dieses Erlebnis noch zu toppen, gibt es unter den Touristen den Hype, Bagan bei Sonnenaufgang bzw. -untergang zu erleben. Wir haben uns davon anstecken lassen und suchen die nächste Tage perfekte Pagoden, von deren Dächern aus man den Sonnenaufgang bzw. -untergang beobachten kann. Das Ganze ist irgendwie surreal und spaßig zugleich. Manchmal haben wir die Pagoden für uns allein und manchmal sehen wir andere Touristen, die uns Tipps geben („Die Treppe zum Dach ist beim Buddha vorbei, links an der Seite“). Letztendlich haben wir großes Glück, denn das Beklettern bzw. Besteigen der Pagoden soll bald verboten werden, da es jährlich zu mehr und mehr Schäden kommt. Die kommenden Tage sind für uns somit ziemlich stressig: sehr zeitig aufstehen, Sonnenaufgang angucken (zumeist Wolken), Schläfchen, Mittagessen, durchs Pagodenfeld düsen und neue Pagoden finden, Sonnenuntergang angucken (auch viele Wolken) und Abendessen. In diesen Tagen unternehmen wir auch einen kleinen Ausflug zum „Mount Popa“. Dort befindet sich das größte der Nat-Religion gewidmete Kloster. Die Nats sind übernatürliche Geister und Wesen, die in Myanmar hoch verehrt sind. Das Kloster ist etwas verkommen und wird von Horden von Affen bevölkert, sodass wir diesen Aufenthalt nicht sehr lange ausdehnen. Wir sind ziemlich erschöpft nach diesen Tagen, aber uns einig: Bagan ist magisch und jede Mühe wert.

Kalaw und Inle-See | Schwimmende Dörfer

Mit dem Minibus geht es weiter in Richtung Inle-See. Auf dem Weg befindet sich Kalaw, wo wir einen Zwischenstopp einlegen, um einige Wanderungen zu unternehmen. Kalaw liegt in den Bergen und ist angenehm kühl, sodass wir das erste Mal seit Monaten, Pullover und vom Guesthouse gestellte Hausschuhe tragen. Die Stadt ist klein, hat aber Shan-Nudeln im Angebot, sodass wir uns hier ganz wohl fühlen. Wir organisieren uns einen Führer, der uns ein wenig die Umgebung erklärt. „Aung-Aung“ (ausgesprochen: „A-A“) ist ein wirklich lieber und aufrichtiger Kerl. Er führt uns durch Reisfelder und Gemüseplantagen, bringt uns zu diversen Dörfern und beantwortet eigentlich jede Frage. So erzählt er uns, wie der Tourismus dieser Region auch geschadet hat. Mittlerweile werden für die Wanderungen Dumpingpreise angeboten, gleichzeitig kommt den Dorfbewohnern, deren Umgebung wir ja besuchen, von dem Geld kaum etwas zu Gute. Wir hatten gehofft, dass es in Myanmar etwas anders ist, müssen aber die Sicht von Aung-Aung in vielerlei Hinsicht bestätigen. Die „Gier nach dem Geld der Touristen ohne an die Folgen zu denken“, scheint auch im schönen Myanmar mehr und mehr zum Motto zu werden.   

Nach diesem Trip geht es zur eigentlichen Hauptattraktionen, dem „Inle See“, der gut von der Stadt „Nyuang Shwe“ aus zu erreichen ist. Noch bevor wir die Stadt betreten und einen Blick auf den See werfen können, werden wir bereits zur Kasse gebeten und müssen ein Ticket für die Gegend lösen (wie so oft hier, zahlen nur die Ausländer). Es lohnt sich aber! „Nyaung Shwe“ ist sehr beschaulich, die Umgebung dafür umso schöner. Mit dem Fahrrad erkunden wir die umliegenden Weinberge und versuchen den hiesigen Wein, den man allerdings bestenfalls als „trinkbar“ bezeichnen kann. Natürlich unternehmen wir auch die obligatorische Bootstour über den „Inle See“, schauen uns „schwimmende Dörfer und Gärten“ an, beobachten die Fischer bei ihrer Arbeit und lassen uns von Handwerkern ihre Arbeit erklären. Wir besuchen Silberwerkstätten und Webereien und bekommen die „Padaung-Frauen“ („Langhals-Frauen“) zu Gesicht. Sie sind für ihre ungewöhnliche Tradition bekannt: seit Kindheitstagen tragen sie einen ringförmigen Halsschmuck, der ihren Hals unnatürlich verlängert. Leider werden diese Frauen heute vielerorts in Schaudörfern vermarktet, sodass wir unsere Begegnung mit ihnen als eher bizarr empfinden. Zum Abschluss versuchen wir uns noch im „Kochen à la Myanmar“ und lernen bei einem Kochkurs, u. a. die burmesische Version des typischen Hähnchencurry’s zuzubereiten. Dabei stellen wir fest: ohne Knoblauch, Zwiebeln und Ingwer geht hier gar nichts. Das Essen schmeckt und kugelrund fahren wir zu unserer letzten Station – nach Mandalay.

Mandalay | Freundschaft auf den zweiten Blick

Unser erster Eindruck von Mandalay ist nicht so gut. Die Stadt ist sehr geschäftig, wirkt schmutzig und scheint weniger entwickelt zu sein. Irgendwie will diese Stadt nicht und wir wollen auch nicht: Die Menschen starren uns wieder an als wären wir Astronauten, die Restaurants sind mittelmäßig und die Erfahrungen mit den öffentlichen Toiletten wieder einmal unterirdisch. Es gibt aber auch gute Sehenswürdigkeiten und nettere Ecken. Wir besichtigen u. a. die „Kuthodaw-Pagode“, die als das „größte Buch der Welt“ bezeichnet wird. Auf unzähligen Marmorplatten wurden das Leben und die Lehren Buddhas aufgeschrieben. Auch die älteste Teakholz-Pagode der Welt, der „Mahamuni Tempel“, der mit viel Gold und blinkenden Buddhas beeindruckt und der Mandalay-Hill („Mandalay-Berg“) gehören zu unseren Highlights. Außerdem unternehmen wir einen Ausflug zum auf der anderen Flussseite gelegenen Ort Mingun. Dort sollte einst die größte Pagode der Welt gebaut werden. Nach Vollendung des Fundaments, das allein 50 m hoch und 70 m breit ist, wurden die Bauarbeiten jedoch eingestellt. Daneben befindet sich die „Hsinbyme Pagode“, die die sieben Weltmeere nachbilden soll. Schneeweiß und mit unzähligen Wellen versehen, gefällt uns dieses Bauwerk ganz besonders. Zum Abschluss machen wir einen Abstecher zur „U-Bein-Brücke“, die mit 1,2 km Länge als älteste und längste Teakholz-Brücke der Welt gilt und auch uns fasziniert. Trotz massenhafter Souvenirläden hat die Brücke einen ganz besonderen Charme behalten. Am Ende war Mandalay gar nicht so schlimm, sondern hat uns Myanmar eher von einer anderen Seite gezeigt. So merken wir nunmehr auch deutlich die Spuren des zunehmenden Tourismus. Trotzdem sind wir von diesem Land begeistert und hoffen, dass Myanmar dem Tourismus gewachsen ist und auch in Zukunft seine Authentizität und Magie behält. In Mandalay besteigen wir mal wieder ein Flugzeug: Es geht für einige Tage nach Thailand und dann weiter nach Laos.


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