8. Kapitel: Vietnam

|28.07. – 18.08.2017|

Ein Land, das alles bieten kann

Vietnam hat einfach alles. Berge, Reisterrassen, Strände, tolle Städte und eine explosive Geschichte. Dazu kommt das wohl leckerste Essen Südostasiens und beste Einkaufsmöglichkeiten. Dieses Land kann hinsichtlich seines Facettenreichtums kaum übertroffen werden. Von der ersten Sekunde an, sind wir fasziniert und können nicht genug bekommen. Uns bleibt viel zu wenig Zeit, in der wir viel zu viel sehen wollen. Und so machen wir uns auf eine Hetzjagd durch ein Land, das scheinbar alles bieten kann.

Hanoi | Kulinarische Höhepunkte

Was für eine Stadt! Die Hauptstadt Vietnams ist wuselig, der Verkehr einfach höllisch. Trotzdem zieht uns diese Stadt in ihren Bann: Überall gibt es leckeres Streetfood, freundliche Menschen, tolle Museen und billiges Bier. Bei über 40°C erkunden wir die Altstadt. Die Straßen sind gefüllt mit geschäftigem Treiben, Barbieren, die ihren Kunden auf dem Bürgersteig die Haare schneiden, unzählige Frauen mit Streetfood-Wägen und vielen Menschen, die mit Tragestangen und Reishut alles Mögliche von „A“ nach „B“ transportieren. Wer Ruhe und Entspannung sucht, ist in Hanoi definitiv fehl am Platz. Wir schauen uns die gängigen Touristenattraktionen, u. a. die „St. Joseph Kathedrale“, den „Hoan Kiem See“, den Literaturtempel usw. an und statten „Onkel Ho“ (Ho Chi Minh, Revolutionär und kommunistischer Führer) in seinem Mausoleum einen Besuch ab. Entgegen seines ausdrückliches Wunsches, liegt er dort seit 1975 aufgebahrt und Massen an Touristen werden täglich an ihm vorbeigeschleust. Nur von Oktober bis Dezember hat er Ruhe, dann kommt er zur „Wiederaufbereitung“ nach Russland. Die Wartezeit ist mit reichlich einer Stunde in praller Sonne noch erträglich, jedoch für dieses 30-Sekunden-Erlebnis kaum lohnenswert. Lehrreicher erweist sich für uns hingegen das Gefängnis „Hoa Lo“, das von den Franzosen erbaut und während des Vietnamkrieges zur Inhaftierung amerikanischer Gefangener genutzt wurde. Das Gefängnis ist nun ein Museum, in dem die Sichtweise der Vietnamesen auf den Vietnamkrieg, der von ihnen übrigens „Amerikanischer Krieg“ genannt wird, dargestellt wird.

Neben dem klassischen Sightseeing, nehmen wir uns in Hanoi viel Zeit um das unzählige Streetfood zu kosten oder auch „Egg Coffee“ (Kaffee mit gequirltem Eigelb und Zucker) zu trinken. Wir essen u. a. die traditionelle „Phở Bộ“ (Nudelsuppe mit Rindfleisch), „Bún Bò Nam Bộ“ (Reisnudeln mit Salat und Rindfleisch) und „Bánh Xèo“, ein Reiscrêpe, der zu einer Frühlingsrolle zusammengerollt wird. Alles ist ausnahmslos lecker. In Hanoi wird es auch zu unserer Tradition, jeden Abend frisch gezapftes „Bia Hoi“ (ein leichtes Bier) zu trinken, das für 5.000 Dong den Becher (umgerechnet ca. 0,19 €) unschlagbar günstig zu bekommen ist. Wir fühlen uns hier also ziemlich pudelwohl und buchen mit etwas Bedauern ein Busticket in die nächste Stadt. Wir wollen in den Norden Vietnams, nach Sapa.

Sapa | Traumdörfer in Reisterrassen

Sapa ist nur ca. 4-5 Busstunden von Hanoi entfernt, da es aber auf einer Höhe von 1.600 m liegt, sind die Temperaturen deutlich niedriger. Reisende kommen vor allem hier her, um in der schönen Gegend wandern zu gehen und die Dörfer der indigenen Bevölkerung näher kennenzulernen. Auch wir unternehmen eine solche Wanderung und lassen uns von May, die dem Stamm der „Schwarzen Hmong“ angehört, durch die Landschaft führen. Obwohl es ab und zu regnet, ist der Blick auf die Reisterrassen sehr beeindruckend. Am Nachmittag erreichen wir schließlich ein Dorf, in dem vor allem „Rote Dao“ leben. Bei dieser Stammesgruppe ist es Tradition, dass die Frauen rote Kopftücher tragen und sich die Augenbrauen abrasieren. Für uns ist es ganz offensichtlich, dass sie wie Weihnachtsmänner oder besser, Weihnachtsfrauen, aussehen. Am darauffolgenden Tag unternehmen wir mit dem Moped einen weiteren Ausflug, diesmal in das Örtchen Lao Chai, das touristisch sehr erschlossen ist. Zu Recht! Lao Chai ist wunderschön. Es sieht aus wie ein „Traumdorf“ kreiert auf einer Modelleisenbahnplatte – in den Bergen gelegen, mit kleinem Fluss, sattgrünen Reisfeldern und den farbenfrohen Trachten der Dorfbewohner. Einzig die Scharren an bettelnden Kindern, die jeden Touristen massiv bedrängen, machen dieses schöne Bild etwas kaputt. Nach nur zwei Nächten in Sapa, geht es zurück nach Hanoi. Von dort wollen wir zur Ha Long Bay (Halong Bucht) fahren.

Halong Bucht | Die berühmten Kalkfelsen

Sie ist das Muss eines jeden Vietnambesuches – die berühmte Halong Bucht, die sich auf ein Gebiet von rund 1.500 Quadratkilometern erstreckt. Die nächsten drei Tage schauen wir uns die bekannten Kalkfelsen näher an. Dabei unternehmen wir eine Tour, die nicht nur die Halong Bucht, sondern die weitaus weniger frequentierte Cat Ba Bucht umfasst. Wir übernachten auf einem Boot, machen Paddeltouren, fahren mit dem Fahrrad in ein abgelegenes Dorf und unternehmen eine Dschungelwanderung, die gar nicht mal so einfach ist. Es geht durch kniehohes Wasser, über Baumstämme, durch Höhlen bis wir schließlich mit Händen und Füßen auf einen Berg kraxeln. Eine super Erfahrung, als wir es geschafft haben! Am letzten Tag haben wir noch einmal richtiges Glück mit dem Wetter: Die Sonne strahlt, das Meer ist blau und die Umgebung einfach traumhaft. Was für ein toller Abgang! Wir genießen die letzten Momente auf dem Boot, bis wir zurück nach Hanoi gebracht werden. Dort besteigen wir einen Nachtbus gen Süden, der uns in Hue abliefern soll.

Hue | Einblicke in alte Kaiserdynastien

Pünktlich um 6.00 Uhr am Morgen erreichen wir Hue. Die ehemalige Hauptstadt des Kaisers liegt an dem Parfümfluss, der allerdings weniger gut riecht. Nach einem ordentlichen Frühstück fühlen wir uns fit genug, die Stadt zu erkunden. Unser Ziel ist die Zitadelle, ein Komplex von Tempeln, Pavillons und Toren, in dem die alten Kaiser residiert haben. Dort befindet sich auch die „Verbotenen Stadt“, die eigentliche Palastanlage der Nguyen-Dynastie, die von 1802 bis 1945 die vietnamesischen Kaiser stellte. Da die Anlage nach dem Vorbild in Peking entstanden ist, hat sie deutliche Ähnlichkeit mit der dortigen „Verbotenen Stadt“. Seit 1993 gehört die Zitadelle zum UNESCO-Weltkulturerbe. Viele der Gebäude sind bereits restauriert und werden teilweise mit Videos näher erklärt, sodass wir eine gute Vorstellung vom Leben und Treiben in der alten Kaiserstadt bekommen.

Am nächsten Tag müssen wir bereits weiter. Von Hue kann man mit dem Moped in das südlich gelegene Hoi An fahren. Nach einigem für Südostasien typischen Hin & Her sitzen wir auf einem halbwegs funktionstüchtigen Moped mit riesigem „Playboy“-Sticker und machen uns auf den Weg durch die schöne Landschaft Vietnams. Unser Programm ist straff, da wir einige Tempelanlagen und die „Elephant Springs“ besuchen und einen Umweg über den „Hai Van Pass“ machen wollen. Auf diesem Pass geht es immer die Serpentinen entlang, hoch auf die Berge mit herrlichem Blick aufs Meer. Sicherlich das Highlight auf unserer Route! Sonnenverbrannt und hungrig erreichen wir schließlich am Abend Hoi An.

Hoi An | Die Stadt der Lampions

Endlich ausschlafen! In Hoi An wollen wir etwas länger bleiben und uns erholen. Hier gibt es gut erhaltene Händler- und Handwerkshäuser und alte chinesische Gebäude zu besichtigen. Bei Nacht wird die Innenstadt von einer Vielzahl an Lichtern und Lampions beleuchtet, sodass Hoi An dann umso schöner aussieht. Wem das nicht genügt, der kann den nah gelegenen Strand besuchen oder sich bei den unzähligen Schneidern maßgeschneiderte Anzüge und Kleider anfertigen lassen. Sicherlich ist Hoi An ein Touristenmagnet und mittlerweile sehr kommerziell, wir wollen uns daran aber nicht stören und genießen die Tage. Wir lassen uns durch die Gässchen treiben, trinken Kaffee, essen Eis, faulenzen am Strand und schlemmen vietnamesisches Essen. Die unzähligen Verkäufer mit ihrem verschmitzten Lächeln, machen es uns außerdem nicht leicht „Nein“ zu sagen. In Hoi An jedenfalls, werden unsere Rucksäcke nicht leichter.

Nha Trang und Mui Ne | Russenstrände und Wüstendünen

Nach diesen entspannten Tagen, geht das Reisen wieder los. Uns läuft die Zeit davon und wir wollen noch so viel sehen. Also besteigen wir wieder den Nachtbus gen Süden und fahren zunächst nach Nha Trang für einen Tag. Dort angekommen, sind wir etwas schockiert. Die Stadt ist einfach skurril. Der Strand ist mit Hotelkomplexen und Bars zugebaut und wird von russischen Touristen belagert. Am Strand werden wir selbstverständlich auf Russisch angesprochen und auf einmal gibt es Pelmenis und Wodka an jeder Ecke – im Kontrast dazu: gegrilltes Krokodil am Spieß. Hier hat der Massentourismus Einzug gehalten und wir ergreifen schnell die Flucht.

Im 220 km weiter südlich gelegenen Mui Ne sieht es ganz anders aus. Mui Ne ist bekannt für seine weißen und roten Sanddünen, die insbesondere bei Sonnenaufgang wunderschön aussehen. Außerdem gibt es so eine Art „Grand Canyon“ in klein, den man gut in 1-2 Stunden durchwandern kann. Zu einer weiteren Attraktion gehört der „Fairy Stream“ bei dem man im seichten Wasser vorbei an bunten Felsformationen zu einem Wasserfall läuft. Mui Ne hat also einige beeindruckenden Naturschauspiele zu bieten, sodass sich die Reise hierher sehr für uns lohnt. Nur das frühe Aufstehen macht uns langsam zu schaffen.

Ho Chi Minh Stadt | Alte Kriegserinnerungen

Die ehemalige Hauptstadt Südvietnams wurde nach dem Sieg des kommunistischen Nordvietnams in „Ho Chi Minh Stadt“ (HCMS) umbenannt. Der vorherige Name „Saigon“ wird heute für den Distrikt 1, der im Innenstadtbereich liegt, verwendet. Sie ist unsere letzte Station. Die Stadt ist chaotisch, laut und weniger schön als Hanoi, aber sie ist auch nicht so schlimm, wie viele sagen. Von hier aus besuchen wir die „Cu Chi Tunnels“, ein weit verzweigtes Tunnelnetzwerk, in dem die Vietnamesen den US-Amerikanern Widerstand geleistet haben. Dabei werden die augenfälligsten Eigenschaften der Vietnamesen erneut deutlich: ihre Raffinesse und ihr Erfindergeist. Aber auch ihr Stolz, den Krieg gegen einen so großen Feind gewonnen zu haben. In HCMS gehört deshalb das Kriegsopfermuseum, eine zum Teil erschütternde Dokumentation über fast 10 Jahre Kriegsgeschehen, zum festen Programmpunkt. Uns wird klar, wie wenig und einseitig unsere bisherige Informationslage war. Besonders die Bilder der „Agent Orange“-Opfer bleiben im Gedächtnis haften. So wenig Zeit ist seitdem vergangen. Umso bemerkenswerter, mit wie viel Selbstbewusstsein und Zuversicht, es die Vietnamesen wieder auf die Beine geschafft haben.

Dann ist es auf einmal soweit: Unsere Zeit in Vietnam ist vorbei! Wir haben viel gesehen und noch von so viel mehr gehört, was wir uns das nächste Mal angucken wollen. Wir ziehen den Hut vor der Schönheit, dem Facettenreichtum dieses Landes (und natürlich dem köstlichen Essen) und steigen mit sehr viel Wehmut aber auch Vorfreude wieder einmal in einen Bus. Es geht weiter nach Kambodscha, unsere letzte Station in Südostasien.


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