14. Kapitel: Namibia

|07.02. – 05.03.2018|

Elefanten, Oryx und der rote Sand

Afrika ist nicht gleich Afrika. Und vor allem scheint Afrika nichts mit der Vorstellung gemein zu haben, die man hat, wenn man noch nicht hier war. In knapp vier Wochen erkunden wir mit Allradwagen und Zelt auf dem Dach Namibia. Dabei lassen wir uns verzaubern von einer unglaublichen Weite, abwechslungsreichen Landschaften und einer tollen Tierwelt. Namibia ist ein dünn besiedeltes Land, das mehr als doppelt so groß ist wie Deutschland, aber nur 2,5 Millionen Menschen umfasst. Wir können also ein paar Gänge runterschalten und dabei über eine Gesellschaft nachdenken, die mit den Folgen ihrer Kolonialgeschichte immer noch zu kämpfen hat.

Windhoek | Exempel einer alten Zeit

Der Flug von Rio über Sao Paulo mit Zwischenstopp in Luanda war lang und anstrengend. Wir kommen zerknautscht und übermüdet in Windhoek an, der Hauptstadt Namibias. Diese gleicht mit ca. 400.000 Einwohnern eher einem Dorf und ist sehr beschaulich. Wir steigen in einem Hostel ab, wo wir erste Kontakte knüpfen und die Lage checken. Wir erfahren, dass es in Namibia so etwas wie ein funktionierendes Bussystem (geschweige denn Zugverbindungen) nicht gibt. Zwar fahren zwischen einigen Städten Kleinbusse hin- und her, das aber könne für zwei weiße Frauen schnell gefährlich werden. Ohne ein Auto kommen wir hier nicht weiter. Also verbringen wir die nächsten Tage damit, ein Mietauto zu finden und dabei die Stadt zu erkunden.

In Windhoek bekommt man schnell ein Gefühl für die Geschichte des Landes. Als ehemalige deutsche Kolonie wurde Namibia während des Zweiten Weltkrieges von Südafrika besetzt und erhielt erst im Jahre 1990 seine Unabhängigkeit und damit seinen Namen. Vorher hieß es Südwestafrika. Die Folgen der südafrikanischen Apartheidpolitik sind noch heute spürbar. Den Weißen „gehören“ Dinge wie Immobilien, Geschäfte und schöne Autos, wohingegen die Schwarzen vor allem als Dienstleister z. B. als Kellner, Putzkräfte, Verkäufer usw. auftreten. Auch in Windhoek ist die räumliche Trennung augenscheinlich: Leben die Weißen vor allem in dem gepflegten Stadtzentrum oder gleich außerhalb für sich, wurden für die Schwarzen sog. Townships errichtet, die noch heute existent sind. Katutura ist eins davon. Es ist das größte und bekannteste Schwarzenviertel hier und heißt frei übersetzt: „Ort an dem wir nicht leben wollen“. Über eine Freundin treten wir mit Pedro in Kontakt, der es als homosexueller Schwarzer gleich doppelt schwer hat. Er lebt nicht mehr in Katutura, hat dort aber eine Menge Freunde und kennt sich aus. Mit ihm fahren wir durch das Viertel, über unbefestigte Straßen an Wellblechhütten und Barbecues vorbei. Wir sehen Menschen barfuß, die jeden Tag 1-2 Stunden in das Stadtzentrum laufen müssen. Wasser-, Abwasser- und Stromversorgung sind nur rudimentär vorhanden. Wer keine Arbeit hat, versucht häufig den Frust in einer der zahlreich vorhandenen Wellblech-Bars zu betäuben. Auch wir landen zum Abschluss unseres „Tour“ in so einer Bar und bekommen noch die ein oder andere Geschichte zu hören.

Waterberg | Erste Eindrücke von der Landschaft

Nach einigen Tagen in Windhoek, geht es schließlos los. Drei Wochen lang wollen wir eine Rundreise durch dieses dünn besiedelte Land unternehmen, wobei einzig der Caprivi-Streifen nicht auf dem Programm steht. Wir haben einen 4×4 (Wagen mit Allrad-Antrieb) gemietet, auf dessen Dach ein aufklappbares Zelt befestigt ist. Transport und Unterkunft in einem – das wird spannend. Zunächst gilt es, sich an den Linksverkehr zu gewöhnen, den die Südafrikaner in Namibia eingeführt haben. Wir fahren Richtung Norden zum „Etosha Nationalpark“ und machen vorher einen Abstecher, um den berühmten Tafelberg „Waterberg“ zu besichtigen. Die Fahrt ist traumhaft, die Landschaft ist zunächst hügelig, grün und rot und zunehmend wird sie flacher. Wir sehen Affen, Warzenschweine und fühlen schon jetzt eine Weite, die es vielleicht nur in Afrika gibt. Am Abend erreichen wir schließlich den „Waterberg Nationalpark“ und schlagen zum ersten Mal unser Zelt auf. Es gibt Würstchen vom Braai (Afrikaans für „Braten“ oder „Grill“), Bier aus der Dose und ganz viel Campingplatz-Gefühl. Am nächsten Tag unternehmen wir eine Wanderung zum Waterberg-Plateau und genießen die tolle Aussicht auf die Umgebung. Danach fahren wir weiter zum Etosha-Nationalpark, Tiere gucken.

Etosha-Nationalpark | Unglaubliche Tierwelt

Der Etosha ist der größte Nationalpark Namibias und die Touristenattraktion des Landes. Wir wollen den Park mit dem Auto von Osten nach Westen durchqueren und in den parkeigenen Camps übernachten. Die erste Nacht verbringen wir im Namutoni-Camp und sehen schon ein paar Zebras am Zaun auf uns warten. Gegen 7.00 Uhr am nächsten Morgen verlassen wir das Camp und fahren die Wasserlöcher auf der Suche nach Tieren ab. Einfach ist es nicht, Tiere zu sehen. Sie sind in der Morgendämmerung und am späten Nachmittag aktiv. Da hier gerade Frühling ist, gibt es genügend Wasser, sodass sie nicht nur bei den Wasserlöchern verweilen. Viele haben auch Jungtiere und sind gerade in dieser Zeit vorsichtiger. Aber wir haben Glück – wir entdecken eine große Herde Zebras, ein weißes Nashorn, eine Familie Giraffen, verschiedenste Arten von Antilopen so z. B. den Oryx (das Wappentier Namibias), Rebhühner und bunte Vögel. Völlig erschöpft von der Hitze und dem Ausschauhalten erreichen wir am frühen Abend das Halali-Camp. Dort berichtet uns ein Ranger, dass ganz in der Nähe Löwen gesichtet wurden. Also steigen wir noch einmal ins Auto und düsen zu dem Wasserloch. Und wirklich – zwei Löwen und eine Löwin liegen lässig im Gras und machen ein Nickerchen. Zwischendurch wird immer mal wieder kräftig gegähnt, aber ansonsten lassen sich die „Könige der Tiere“ nicht stören. Wir beobachten die drei so lange es geht und fahren dann ins Camp zurück. Was für ein Glück! Auch die nächsten Tage sind von Erfolgen gekrönt. So werden wir bereits am Morgen vom Brüllen eines Rudels Löwen geweckt, die einigen Zebras einen Schrecken einjagen. Wir sehen wenig später ein weiteres weißes Nashorn mit Jungtier und wieder Unmengen an Antilopen. Die Nacht verbringen wir im Okaukuelo-Camp, wo es glücklicherweise auch einen Pool zum Entspannen gibt. Der letzte Tag im Etosha-Nationalpark ist wohl am anstrengendsten. Wir wollen den Park durch das westliche Tor verlassen und müssen dafür 200 km zurücklegen. Nicht einfach, wenn man durchschnittlich mit 40 km/h unterwegs ist, die tolle Landschaft fotografiert und ständig anhält, um Tiere zu beobachten. Außerdem sind wir auf der Suche nach Elefanten, die sich bislang erfolgreich vor uns versteckt hielten. Doch wir werden fündig! Fast fahren wir an diesen Dickhäutern vorbei, sehen sie dann aber doch – eine ganze Herde mit Teenagern und Babies. Es bleibt ein Phänomen und jeder Moment im Etosha-Nationalpark zeigt uns, wie klein und unbedeutend der Mensch in der freien Natur ist.

Damaraland und Spitzkoppe | Auf den Spuren unserer Vorfahren

Danach gehen wir es etwas ruhiger an. Wir fahren wieder zurück in Richtung Süden, nach Twyfelfontein. Die Landschaft verwandelt sich zunehmend in eine Wüste und wird dominiert vom roten Sand. Wir befinden uns nun im Damaraland, wo man uralte Felszeichnungen und Gravuren unserer Vorfahren bestaunen kann. Gemeinsam mit den San (auch Buschmänner genannt) gehören die Damara zu den ältesten Bewohnern des südlichen Afrikas. Auffällig ist ihre Sprache, die aus Schnalzlauten (sog. Klicks) besteht. Im „Living Museum of Damara“ lernen wir mehr über ihr ursprüngliches Leben, Alltag und Kulturen. Eindeutig für Touristen gebaut, gibt es dennoch einen lehrreichen Einblick. Am Brandberg bewundern wir Felsgravuren, die zwischen 2.000 und 10.000 Jahre alt sind und als das Kommunikationsmittel dieser Zeit gelten. Fast immer werden Jagdszenen dargestellt, Tiere und Menschen, aber auch Hinweise zu Wasserquellen oder Nahrung gegeben.

Danach geht es zur Spitzkoppe, einem wunderschönen Gebirge, das seine Umgebung um ca. 700 m überragt. Runde Granitfelsen mit einer sandig-rötlichen Farbe dominieren das Bild. Auch hier gibt es jahrtausendealte Felsmalereien zu besichtigen. Aber das wahre Highlight ist ein schlichtweg grandioser Zeltplatz: Ohne fließend Wasser oder Strom, einzig mit einer Buschtoilette und einem Braai ausgestattet, sind die Stellplätze weit voneinander entfernt angeordnet – „back to nature“. Als Stadtkinder finden wir so viel Abgeschiedenheit cool und mulmig zugleich.

Swakopmund | Deutsche Heimeligkeit

Nach diesen Tagen in der Wüste brauchen wir einen ordentlichen Kaffee, eine Waschmaschine und einen gut gefüllten Supermarkt. Also begeben wir uns nach Swakopmund, das an der Westküste liegt und eigentlich immer nebelig und eher kalt sein soll. Aber nicht eine Wolke ist am Himmel zu sehen, die Sonne scheint und das Meer hat eine ungewöhnlich schöne türkisfarbene Farbe. „Swakop“ ist eine deutsche Kolonialstadt, die zweitgrößte Namibias und trotzdem so klein, dass wir sie in zwei Stunden erlaufen haben. Wir spazieren am „Alten Zollamt“ vorbei, über die Bismarck-Straße, sehen Angebote für Schwarzbrot, Schnitzel oder Eierschecke. Total eigenartig, gleichzeitig jedoch ein guter Ort, sich „daheim“ zu fühlen und etwas auszuruhen. Nach ein paar Tagen schlägt das Wetter um und es wird Zeit für uns weiterzufahren.

Sossusvlei | Dünen und zu viel Sand

Unsere nächste Station ist Sesriem, von wo aus wir die Dünen von Sossusvlei und das „Dead Vlei“ besuchen. Die meterhohen Dünen wurden angeblich durch den Sand der Kalahari-Wüste geformt, sie gehören zu den größten der Welt. Pünktlich 5.00 Uhr heißt es aufstehen, denn wir wollen die schlimmste Hitze vermeiden. Der Sonnenaufgang über den Dünen ist einmalig. Danach kämpfen wir uns mit dem Allradwagen tiefer in den Park hinein und bleiben prompt im Sand stecken – es riecht nach verbrannter Kupplung und ein Einheimischer muss helfen. Dafür laufen wir die letzten Meter und versuchen schließlich die größte der Dünen „Big Daddy“ zu erklimmen. Heiß, nur noch heiß ist es ab diesem Punkt – dafür ist die Sicht von dort oben atemberaubend. Auch das „Dead Vlei“, ein vertrocknetes Flussbett mit einer Vielzahl von abgestorbenen Akazienbäume, ist beeindruckend. So eine Landschaft, die zum einen schön wegen ihrer Farben und zum anderen beklemmend, da lebensfeindlich ist, erleben wir hier zum ersten Mal.

Lüderitz und Kolmanskuppe | Zwei kleine Städtchen

Es geht weiter in Richtung Süden. Und auch wenn unser Ziel die kleine Stadt Lüderitz ist, so sind es in Namibia nicht die Städte, die interessant sind, sondern die unglaublich schönen Landschaften, die wir auf den Weg dorthin durchqueren. Wir versuchen besonders einsame Routen zu finden und landen schließlich in Klein-Aus, das unsere Station für die nächsten Tage wird. Von hier aus erkunden wir Kolmanskuppe, eine Geisterstadt, die einst von den Deutschen zu Zeiten des Diamantenbooms gebaut wurde. Das Kuriose: Die kleine Stadt wurde im Nichts, mitten in der Wüste gebaut. Alte Gebäude, die einst Metzgereien, Eisfabriken, Büros oder Wohnungen beherbergten, sind nun mit meterhohen Sandbergen gefüllt. Eine obligatorische Führerin erzählt die Geschichten längst vergangener Zeiten. Im Anschluss besuchen wir Lüderitz, die drittgrößte Stadt Namibias. Ein 25.000 Seelen-Örtchen, dessen Geschäfte samstags bereits 12.00 Uhr schließen und nur ein paar wenige Restaurants mit Fisch und Austern im Angebot hat.

Fish River Canyon | Faszinierende Aussichten 

Langsam gehen uns in Namibia die Ziele aus. Dieses dünnbesiedelte Land ist nicht gerade gespickt mit Highlight-an-Highlight. Dafür schalten wir ein paar Gänge runter und dehnen die Zeit am Pool aus. Wir fahren bis zum „Orange River“, dem Grenzfluss zu Südafrika um uns am Wasser zu entspannen und wieder einmal saftiges Grün zu sehen. Auf dem Weg dahin erblicken wir nicht viel außer einigen Bambushütten. Schließlich erreichen wir den „Fish River Canyon“, den größten Canyon Afrikas. Zwar hatten wir hier auf ein paar Wandermöglichkeiten gehofft, aber die Aussichtspunkte sind nur per Auto zu erreichen. Trotzdem genießen wir den tollen Blick auf den Canyon.

Keetmannshop und Marienthal | Köcherbaumwald und Kalahari-Wüste

Keetmannshop ist ein weiterer Zwischenstopp, der zwar ganz nett, aber nicht atemberaubend ist. Bekannt für seinen Köcherbaumwald und dem „Giant‘s Playground“, einer natürlich geformten Ansammlung von runden, aufeinander getürmten Magmasteinen, werden wir hier mit einem wunderschönen Sonnenuntergang überrascht. Es bleibt mal wieder die Zeit stehen und wir widmen uns der kontinuierlichen Verbesserung unserer Grillkünste. Im weiter nördlich gelegenen Marienthal kommen wir schließlich auf dem Campingplatz einer wunderschönen Lodge unter. Bei kleineren Wanderungen erkunden wir die Ausläufergegend der Kalahari-Wüste, sehen Schildkröten, Schlangen und ein paar aggressive Zebras. Auch nachts scheinen sich die Tiere an unserer Anwesenheit nicht zu stören. Wir werden geweckt von Zebras und Elands, die wenige Meter entfernt von unserem Zeit ihre nächtlichen Mahlzeiten vertilgen.

Rehoboth und Windhoek | Letzte Tage der Entspannung

Nach einem kurzen Stopp am „Hardap-Damm“ (ganz interessant) und noch einigen Tagen Entspannung im Rehoboth (eher ungewöhnlich), erreichen wir schließlich wieder Windhoek. Unsere Rundreise ist beendet, mit schwerem Herzen trennen wir uns von unserer Transport-Schlafmöglichkeit und lassen uns zum Flughafen bringen. Namibia hat uns begeistert mit wunderschönen Landschaften und einer unglaublichen Tierwelt. Wir sind froh, durch den Allradwagen so viel Freiheit und Abendteuer gehabt zu haben. Gleichzeitig ist uns bewusst geworden, dass dieses Land noch viel Energie in die Überwindung seiner Vergangenheit bzw. Modernisierung stecken muss. Wir nehmen das letzte Land unserer Weltreise in Angriff – es geht nach Südafrika.


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